Leseprobe aus "Ab nun gehörst du mir"

1. Kapitel

„Frau Haller, das ist Frau Rosa Gilner.“
Herr Peter stellte dies sehr sachlich fest. Der etwas ältere untersetzte Herr hatte ein freundliches Lächeln auf den Lippen, das für Rosa Gilner bestimmt war. Seine grauen Silberfäden hingen ihm jugendlich in die Stirn. Er zwinkerte Rosa zu und wandte sich wieder an seine langjährige Sekretärin.
„Frau Gilner wird Ihre Nachfolgerin. Da Sie ja in ein paar Monaten in Pension gehen, möchte ich gerne, dass ihre Nachfolgerin von Ihnen eingewiesen wird.“
Ein bisschen müde lächelnd wandte er sich zu Gusta Haller, die schon so lange seine Sekretärin war, dass er sich nicht mehr erinnern konnte, wann sie angefangen hatte.
„Aber Chef, ich dachte, dass Sie mit mir in Pension gehen wollten. Herr Peter junior wird das gar nicht gerne hören, dass Sie weiterarbeiten wollen.“
„Ja, ich weiß. Aber ich habe mein Leben lang eine Aufgabe gehabt. Ich kann mich nicht einfach zu Hause hinsetzen und aufs Sterben warten. Außerdem rede ich ja Alex nicht im Geringsten rein. Er ist ja sozusagen der Chef der Firma.“ Seine buschigen weißen Augenbrauen zogen sich zusammen, um seiner Aussage Nachdruck zu verleihen.
Frau Haller zog ihre Schultern hoch und drehte sich zu Rosa. Gusta Haller war Mitte sechzig, klein und schlank. Ihr blondes Haar hatte sie kurz geschnitten. Sie trug eine Brille, ihre Kleidung war die einer eleganten jugendlichen Frau. Ihr Alter konnte man so nur erahnen. Sie war eine äußerst elegante Erscheinung.
„Guten Tag, Frau Gilner. Herzlich willkommen.“ Lächelnd ging Gusta auf Rosa Gilner zu, um ihr die Hand zu schütteln.
„Ich gehe in drei Monaten in Pension. Eigentlich wollte Herr Peter sich mit mir zur Ruhe setzen. Aber na ja. Man kann es dem alten Herrn nicht verdenken, dass er nicht alleine zu Hause sein möchte. Die Firma ist sein Leben.“
Gusta Haller war Rosa vom ersten Augenblick an sympathisch. Sie war eine richtige Dame. Ganz anders als ihre Eltern. Rosas Vater war früh gestorben, und ihre Mutter musste sie beide mit dem Wenigen, das sie hatte, durchbringen. Dies war nicht immer ganz einfach, aber ihre Mutter bemühte sich, dass es Rosa gut ging. Die Liebe, die ihr ihre Mutter entgegenbrachte, konnte den Mangel an Geld ohne Weiteres wettmachen. Jetzt war ihre Mutter im Pflegeheim. Rosa hatte sie bisher zu Hause gepflegt, doch das war jetzt nicht mehr möglich. Rosa hatte sie schweren Herzens ins Pflegeheim geben müssen.
Herr Peter hatte sie im Heim entdeckt, als sie so dasaß und Tränen über ihr Gesicht kullerten.
„Was ist denn los?“, fragte er sehr verständnisvoll.
Der alte Mann schien Rosa so vertraut, dass sie ihm unvermittelt ihr Leid klagte. Sie brauchte einen Job, um alleine über die Runden zu kommen.
„Ich brauche eine neue Sekretärin“, warf er ein. „Möchten Sie die Stelle bei mir annehmen?“
Rosa schaute ihn mit großen Augen an.
„Aber … das kann ich doch nicht …“, stammelte sie nur.
„Papperlapapp. Natürlich können Sie. Kommen Sie morgen einfach in mein Büro.“
Herr Peter hatte in seiner Jugend ein sehr erfolgreiches Handelsunternehmen aufgebaut, das jetzt sein Sohn leitete. Er selbst hatte sich schon aus dem Geschäft zurückgezogen. Er war nur mehr anwesend, wenn sein Sohn sich im Ausland aufhielt. Alex Peter hatte die Firma übernommen und baute sie noch weiter aus. Er leitete das Unternehmen mit sehr viel Geschick und Gespür. Der Erfolg gab ihm recht.
Herr Peter senior gab Rosa die Adresse und verabschiedete sich lächelnd.
„Ist Ihnen der Umgang mit dem Computer geläufig?“, rief sie die Stimme von Frau Haller in die Jetzt-Zeit zurück.
„Ja, ein wenig.“
„Na, dann machen wir uns an die Arbeit. Ich werde Ihnen die Aufgaben in den kommenden Monaten vermitteln.“

Der alte Herr hätte sicherlich keine neue Sekretärin gebraucht, das wurde Rosa schon nach ein paar Stunden bewusst. Es war nicht genug Arbeit für eine Sekretärin vorhanden, da Herr Peter in die laufenden Geschäfte so gut wie gar nicht eingriff. Also erledigte Rosa nicht nur den Schriftverkehr für Herrn Rudolf Peter, sondern wurde auch im Büro für kleinere Dienste angewiesen. Da war sie sozusagen Mädchen für alles. Sie räumte alte Akten auf, schlichtete Ordner, machte Kaffee und putzte sogar. Rosa war das egal, sie war so glücklich, eine Anstellung gefunden zu haben, dass ihr gleichgültig war, was sie zu tun hatte. Hauptsache, sie wurde gebraucht.
„Bitte zwei Kaffee in mein Büro“, ertönte eine tiefe, sehr angenehme Männerstimme aus der Sprechanlage.
„Rosa, kannst du das erledigen?“, fragte Caren, ihre Kollegin. Caren war Mitte zwanzig, im selben Alter wie Rosa. Sie war schon als Lehrling in der Firma gewesen.
„Ja, natürlich. Wo muss ich sie denn hinbringen?“, fragte Rosa unwissend.
Caren lachte laut auf. „Zum Chef. Am Ende des Ganges links.“ Schon war sie verschwunden.
Rosa zitterte ein wenig, sie war ja dem Junior noch nicht vorgestellt worden. Wie er wohl sein mag?, fragte sie sich insgeheim. Vorsichtig und leise klopfte sie an die Tür und stieß sie auf. Was dahinter lag, verschlug ihr die Sprache. Ein riesengroßer Raum mit flauschigem Teppichboden. Die Ordnerschränke waren aus dunklem Holz, der Schreibtisch mit feinem Leder bezogen. Ein bequemer Bürosessel dahinter. Auf dem Schreibtisch stapelten sich Akten und Ordner kreuz und quer. Gegenüber standen bequeme Ledermöbel und ein ordentlicher Glastisch.
Zwei Männer saßen da und diskutierten heftig, beide waren über den gleichen Ordner gebeugt. Die Männer hatten feine Anzüge an, der eine ein weißes Hemd mit dunkler Krawatte, der andere nur ein dunkelblaues Hemd, das er lässig ohne Krawatte und offen trug.
Als Rosa eintrat, blickte jener auf. Seine Augen trafen Rosa, die von dem Anblick dieses Mannes verzaubert war. Er hatte dunkles, gewelltes Haar, seine Brauen waren dicht. Seine Augen waren wie Laserblitze und aus tiefem Blau. Die Nase war in der Form ähnlich wie die eines Indianers, nur nicht so groß. Der Mund war … Oh mein Gott, sie starrte den Mann ja an. Schnell blickte sie zu Boden, verhaspelte sich und stolperte. Der Mann mit dem offenen Hemd schrie sie förmlich an: „Wer sind Sie denn? Und was machen Sie hier?“ Seine Augen funkelten böse, doch Rosa konnte nur auf das schöne Gesicht starren, das sie finster anblickte.
„Äh, ich bin Rosa Gilner, die Nachfolgerin von Frau Haller“, brachte sie nur stotternd heraus.
„Mario, ich bin gleich wieder da.“ Rüpelhaft zog er sie durch die Tür, durch die sie gerade hereingekommen war.
„Was soll das heißen, die Nachfolgerin von Frau Haller? Diese Stelle wird nicht neu besetzt. Sagen Sie mir auf der Stelle, was Sie hier zu suchen haben!“ Er funkelte sie so böse an, dass Rosa weiche Knie bekam. Fest hielt er ihren Oberarm, dass sie der Druck zu schmerzen begann. Ihr fehlte die Stimme, sie brachte keinen Laut heraus. Als Alex Peter anfangen wollte sie zu schütteln, ließ sie das Kaffeetablett fallen. Der Kaffee spritzte ihm genau auf die Anzughose. Rosa war ebenfalls von oben bis unten mit Kaffee besudelt.
Seine Augen wurden jetzt zu gefährlichen kleinen Schlitzen, der Mund begann zu zittern, überhaupt bebte sein ganzer Körper. Rosa merkte, dass er seinen Zorn nur mehr mühsam unterdrücken konnte. Langsam bekam sie es mit der Angst zu tun. Wo war sie denn da wieder hineingeraten? Plötzlich ertönte die warme sympathische Stimme von Herrn Rudolf Peter: „Ihr beiden, seid so gut und kommt zu mir in mein Büro.“
Alex Peter starrte sie noch immer wutverzerrt an, doch dann ließ er sie los, drehte sich um und ging zu seinem Vater ins Büro.
Rosa brauchte ein paar Sekunden länger, um sich wieder halbwegs im Griff zu haben, und tat es ihm gleich.
Als sie ins Büro des Seniors eintrat, wollte sie anfangen zu sprechen, doch der liebenswerte alte Mann ließ ihr keine Gelegenheit.
„Entschuldige bitte, Alex, wenn ich dich mit meiner Entscheidung überrumpelt habe, aber ich habe kurzfristig beschlossen, doch wieder eine neue Sekretärin aufzunehmen. Dies ist Rosa Gilner und ab heute meine rechte Hand für die paar Dinge, die ich benötige. Die restliche Zeit kannst du sie ja in der Buchhaltung unterbringen.“ Rudolf Peter sagte dies sehr langsam und ruhig, er kannte seinen Sohn und wusste schon, dass gleich ein Wutausbruch folgen würde. Rosa stand nur daneben und brachte kein Wort heraus.
„Ich brauch in der Buchhaltung niemanden“, stieß Alex ­Peter kurzatmig hervor, „und schon gar nicht so eine dämliche Ziege, die nichts auf die Reihe kriegt.“ Alex blickte sie verächtlich an.
Das war zu viel für Rosa. Was bildete dieser Mann sich überhaupt ein? Gut, sie brauchte den Job, aber beleidigen musste sie sich wirklich nicht lassen. Und was sollte denn das Ganze? Wenn er keine Verwendung für sie hatte und sie gar nicht in der Firma wollte, was sollte sie dann hier überhaupt machen? Der alte Mann war sehr nett, aber der Sohn war ein Ekelpaket. Nein, hier wollte sie auf keinen Fall bleiben.
„Entschuldigen Sie, Herr Peter, dass ich Ihnen solche Umstände gemacht habe“, sagte sie und machte Anstalten zum Gehen, doch da war Rudolf Peter schon bei ihr und schnitt ihr den Weg zur Tür ab.
Jetzt funkelten seine Augen, und er sah verärgert zu seinem Sohn, während er mit Rosa sprach. „Mein Liebes, Sie brauchen sich für gar nichts zu entschuldigen. Meinem Sohn würde eine Entschuldigung gut zu Gesicht stehen. Es kommt überhaupt nicht infrage, dass Sie gehen. Ich habe Sie eingestellt, und ich möchte, dass Sie bleiben.“
Während er weitersprach, blickte er in die Richtung von Alex Peter. „Wenn du möchtest, bezahle ich das Gehalt von Frau Gilner aus meinem Fonds.“
Alex musste schlucken. Was war denn in seinen Vater gefahren? Hatte er die zweite Midlife-Crisis oder war ihm sein Gehirn verrutscht? Er war doch sonst nicht so.
„Nein“, gab er kleinlaut von sich, „natürlich kann sie bleiben und ihr Gehalt wird von der Firma bezahlt.“
Er drehte sich abrupt um, blickte Rosa stechend an und verließ das Büro seines Vaters.


2. Kapitel

„Es tut mir leid“, sagte Rudolf Peter traurig.
„Ihnen muss doch nichts leidtun. Ich bin diejenige, der es leidtut. Ich habe mich hier hereingedrängt. Bitte erlauben Sie mir, das wiedergutzumachen, und lassen Sie mich einfach gehen.“
„Auf keinen Fall. Sie brauchen Arbeit und ich kann Ihnen genau das geben.“ Er fuhr ganz ruhig fort: „Ich bin schon alt, Rosa, wenn meine Frau noch leben würde, würde sie Alex den Marsch blasen. Sich so zu benehmen! Ich schäme mich für ihn.“ Traurig senkte er seinen Kopf, dann fuhr er langsam fort: „Er hat nur die Arbeit und die Vergrößerung der Firma im Kopf.“ Und natürlich seine Weibergeschichten. Aber das dachte er sich nur.
Entschlossen hob er den Kopf. „Gehen Sie nach Hause und kommen Sie morgen früh wie vereinbart.“ Herr Peter blickte sie von oben bis unten an. „So können sie sowieso nicht weiterarbeiten, mit dem ganzen Kaffee auf Ihrer Kleidung.“
Sachte schob er sie zur Tür und schloss sie hinter ihr.

Als Alex allein war, ging ihm der ganze Zirkus vom Nachmittag immer und immer wieder durch den Kopf. Diese junge Frau. Auf den ersten Blick hatte sein geübtes Auge die Schönheit des Mädchens erkannt. Sie war mittelgroß, hatte brünettes schulterlanges Haar, braune Augen, die an einen Teddybären erinnern, ohne jedoch ihre Sinnlichkeit dabei einzubüßen, eine sehr sportliche, schlanke Figur und Wahnsinnsbeine. Da stimmte einfach alles. Aber was zum Teufel hatte sein alter Herr mit ihr zu schaffen? Schließlich war sein Vater als beinharter Geschäftsmann bekannt. Ja, natürlich traf das nicht mehr ganz zu, seit er die Firma an ihn abgegeben hatte, aber trotzdem, das Gehalt von seinem Fonds zu zahlen, das sah seinem Vater nicht ähnlich. Warum nur wollte er das tun? Hatte er etwas mit der jungen Beauty? Aber nein, nicht sein Vater. Seit seine Frau gestorben war, hatte er sich mit keiner anderen Frau mehr eingelassen, obwohl kein Mangel geherrscht hätte. Er wollte ihren Platz nicht erneut besetzen. Und jetzt das. Er holte einfach so eine kleine Pomeranze an seine Seite. Wenn auch eine recht niedliche Pomeranze, musste Alex sich eingestehen. Aber er würde schon noch herausbekommen, ob da zwischen den beiden etwas lief.

So ein eingebildeter Idiot. Der Sohn war ja das Schlimmste, was ihr je untergekommen war. Rosa hatte nicht sehr viel Erfahrung mit Männern, die letzten Jahre war sie zu sehr damit beschäftigt gewesen, ihre Mutter zu pflegen. Sie hatte einfach nie die Zeit oder die Nerven gehabt, um auszugehen und jemanden kennenzulernen. Aber er sah wahnsinnig gut aus. Als er mit ihr im Büro des alten Herrn gestanden war, konnte sie seine Figur beobachten, sein Muskelspiel unter dem Anzug erahnen. Sein absolut schönes Gesicht beobachten. Ihr wurde glühend heiß, obwohl sie ihn nur in Gedanken sah. Schmetterlinge tanzten in ihrem Bauch, die Knie wurden weich und das Herz begann zu rasen. Was tust du denn da?, schimpfte sie sich. Er ist ein Idiot, auch wenn er gut aussieht. Er ist einfach nur ein Idiot, und ich werde ihm aus dem Weg gehen, so gut ich kann.

Am nächsten Morgen hatte sie sich wieder voll im Griff, als sie den Bürotrakt betrat. Caren trat hinter sie. „Guten Morgen“, rief sie gut gelaunt.
„Guten Morgen“, gab Rosa zurück und marschierte stolz weiter. Sie wollte auf keinen Fall, dass Caren ihre Nervosität bemerkte.
Frau Haller war ein Goldstück und erklärte ihr geduldig alles, was sie für ihre neue Aufgabe wissen musste. Rosa lernte schnell und konnte schon am Abend das Wichtigste erledigen. Auch die Arbeiten in der Buchhaltung konnte sie problemlos meistern. Sie erledigte ihre Aufgaben prompt und ordentlich, obwohl sie meist nur irgendwelche Botengänge oder sogar Putzarbeiten zugeteilt bekam. Es war ihr gleichgültig. Der Senior war während der Anwesenheit des Juniors nie im Gebäude, nur seine Post erledigte er an manchen Tagen.
Die nächsten Tage vergingen schnell und unkompliziert. Rosa hatte sich schnell eingewöhnt und wurde von den Kollegen freudig aufgenommen. Besonders den männlichen blieb ihr umwerfendes Aussehen nicht verborgen, und sie buhlten um ihre Gunst.
Als Herr Rudolf Peter in die Firma kam und Rosa die Aufgaben übermittelte, die er von ihr gerne erledigt wissen wollte, machte sich Rosa sofort ans Werk. Stunden saß sie am Computer, um all die Briefe des Seniors aufzuarbeiten. Da Herr Peter nur sporadisch im Betrieb war, blieb seine Post immer liegen und wuchs zu einem gewaltigen Stapel an. Er wollte seine Briefe immer persönlich öffnen und gab dann Rosa genaue Anweisungen, was zu tun war. Frau Haller zog sich immer mehr zurück und ließ Rosa ihre Arbeit erledigen.
Rosa raffte sich auf, streckte ihren gebückten Rücken durch – und hielt vor Schreck den Atem an. Im Türrahmen stand Alex Peter. Lässig lehnte er am Rahmen und sah sie mit funkelndem Blick an. Seine Augen waren wie ein tiefer See, in dem man sich verlieren könnte. Rosa erschrak so, als sie ihn da stehen sah, dass ihr ein leiser Aufschrei entfuhr.
„Na na, so hässlich bin ich auch wieder nicht, dass Sie gleich schreien müssen.“ Süffisant stieß er sich vom Türrahmen ab und kam gefährlich langsam näher.
„Entschuldigung.“
„Sie brauchen sich nicht ständig bei mir zu entschuldigen. Mein alter Herr hat unmissverständlich erklärt, dass er Sie hier haben will. Ich beuge mich natürlich seinem Willen.“ Wie um die Worte zu unterstreichen, machte er eine Verbeugung.
Rosa sah ihn das erste Mal lächeln. Sie hatte keine Ahnung, wie sie reagieren sollte, und sagte daher gar nichts.Verärgert über ihr Schweigen drehte sich Alex um und ging zur Tür. „Nicht dass Sie uns Überstunden berechnen“, meinte er, und weg war er.
Das ist der unmöglichste Mensch, der mir je begegnet ist. Nicht dass ich viel von Männern wüsste, aber dieser Alex Peter könnte sich ein Beispiel an seinem Vater nehmen, dachte Rosa. Sie mochte den Junior nicht. Er war ihr gänzlich zuwider.
Als sie mit der Arbeit fertig war, war es schon sehr spät. Sie hatte die Zeit vergessen. Das war für Rosa zwar eigentlich kein Problem, aber jetzt musste sie erkennen, dass sie alleine im Gebäude war. Als sie aus dem Büro trat, bemerkte sie, dass sie doch nicht die Einzige war. Am Ende des Ganges brannte noch Licht – im Büro von Alex Peter.
Leise, damit er sie ja nicht hörte, schlich sie den Gang in die entgegengesetzte Richtung. Als sie fast am sicheren Ausgang angelangt war, ertönte hinter ihr die tiefe Stimme, die sie so gerne hörte, obwohl ihr Besitzer ihr gänzlich unsympathisch war.
„Frau Gilner, kommen Sie doch bitte noch in mein Büro.“
Oh nein, jetzt hat er mich doch gehört und hält mir sicher eine Standpauke, dass ich nicht so lange arbeiten soll, ging es ihr durch den Kopf.
Als sie ins Büro eintrat, wollte sie ihm die Segel aus dem Wind nehmen und fing sofort an zu sprechen. „Es tut mir leid, wenn Sie den Eindruck haben, dass ich vielleicht Überstunden schinden könnte, doch Sie können sich gerne vergewissern, dass ich schon am Ende meiner regulären Arbeitszeit ausgestempelt habe.“ Sie streckte ihr Kinn stolz nach vorn und straffte ihre Schultern.
Alex blickte vom Schreibtisch auf und ein amüsiertes Lächeln umspielte seinen Mund. Mit diesem Lächeln wirkte er auf Rosa phänomenal. Ihr blieb die Luft weg, und das Büro schien ihr zu klein, um genug Sauerstoff zu ergattern. Die Schmetterlinge in ihrem Bauch führten einen wahren Freudentanz auf und ihre Knie drohten nachzugeben. Rosas Herz raste.
Was ist bloß los mit dir? In Gedanken schimpfte Rosa mit sich. Gut, er hat gelächelt, aber das hebt seine Arroganz nicht auf. Er ist unmöglich.
„Ich habe Sie nicht wegen eventueller Überstunden zu mir gebeten.“ Seine Stimme war tief, warm und klang übermäßig zärtlich.