Erstes Kapitel
„Deine Skulpturen sind der absolute Hammer!“
Stolz blickte Carola auf ihre beste Freundin Tina Müller.
Es war ihre erste Ausstellung. Sie fand in einer angesagten
Jungdesignerboutique, etwas außerhalb der Wiener Innenstadt,
statt.
Zwischen all den hippen Designerstücken standen auf Regalen
und Podesten Tinas einzigartigen Skulpturen. Es waren
keine Aktstücke und doch konnte man dies vermuten. Die Verschwommenheit
mit der Tina erschuf, ließ für den Betrachter
viele Möglichkeiten offen.
Der Andrang war rege und Tina hatte schon ein paar kleinere
Kunstwerke verkauft. Der große Fang ließ jedoch auf sich warten.
Mit einem gefüllten Glas Sekt kam Carola auf ihre Freundin
zu und blickte sie erleichtert und etwas geschafft an.
„Die letzten Tage waren nicht so ohne?“
„Nein, das alles noch rechtzeitig fertig sein würde, hatte ich
schon aufgegeben. Aber Dank deiner tüchtigen Hilfe, ist alles
gut gegangen.“
Tina strich ihr dunkles langes Haar aus der Stirn und entblößte
dabei ein südländisches Gesicht, das sie von ihren Vorfahren,
die Italiener waren, geerbt hatte.
Die beiden Freundinnen waren so unterschiedlich, dass es unterschiedlicher
kaum ging.
Tina eine Südländische Schönheit und Carola ein bleiches
blondes und äußerst niedliches, wenngleich auch sehr hübsches
Landmädl.
Kennen gelernt haben sich die beiden auf einer Party. Carola
suchte Unterkunft in Wien und Tina suchte eine neue WG –
Gesellin. Sie verstanden sich auf Anhieb, hatten ähnliche Interessen
und machten Wien damit unsicher.
In diesem Moment näherte sich ein älterer und sehr vornehm
aussehender Herr den beiden. Er blieb direkt vor ihnen stehen,
nickte kurz:
„Guten Abend, darf ich mich vorstellen: Reinhold von Hochburg.
Wenn sie erlauben entführe ich ihnen die Künstlerin, ich
habe ein paar Fragen die eine größer angelegte Produktion
betreffen würden.“
Höflich wandte er sich an Carola und hatte dabei schon seinen
Arm um Tinas Ellbogen gelegt, bereit sie jederzeit mitzunehmen.
„Guten Abend! Natürlich nehmen sie unsere Kunstexpertin
mit und erteilen einen unsagbar großen Auftrag, dann bin ich
auch nicht böse.“
Lächelnd, ein wenig herausfordernd dabei, blickte sie an dem
Mann hoch. Er sah für sein Alter unglaublich gut aus. Carola
schätzte, dass er um die Fünfzig war. Er hatte leichte silbergraue
Strähnen an den Schläfen und einen wachsamen und
sehr einfühlenden Blick.
Bei der Aufforderung viel zu kaufen, musste Reinhold diskret
lächeln. Bevor er herkam hatte er nicht vor zu kaufen. Doch die
Künstlerin irritierte ihn dermaßen, dass er es für Wert befand,
sie näher kennen zu lernen.
„Wir werden mal sehen.“
Amüsiert zwinkerte er Carola zu und zog Tina mit sich, die
zu überrascht war, als dass sie hätte protestieren können.
Carola blickte sich in dem Laden um. Das Geschäft war anders
als herkömmliche Boutiquen. Der Besitzer war offensichtlich
ebenso Kunstliebhaber. Es gab keine Regale. Die Kleidungsstücke
waren an Puppen oder nur Haken aus Metall dekoriert.
Eine Graffitilandschaft im Hintergrund unterstrich den
eigenwilligen Charakter des Ladens. Carola fühlte sich in dieser
Umgebung wohl, obwohl sie alles andere als eine Rebellin
war.
Ihr Leben verlief bis zum dem Moment, in dem sie Tina kennen
gelernt hatte, sehr eintönig. Die Abwechslung die sie sich
selber verschrieb, war Wien und ein Neuanfang.
Einen gewagten Schritt hatte sie schon unternommen.
Sie hat sich in Wien ihren Jugendtraum erfüllt und ein kleines
Geschäft gemietet. Carola fertigte Schmuckstücke. In dem kleinen
Geschäft konnte sie produzieren und verkaufen.
Heute zierten ihre Werke die Kleider des Designerladens. Sie
war stolz auf ihre Werke. Durch ihre Freundschaft mit Tina erhielt
sie die Möglichkeit, mit auszustellen.
Tina war mit dem gut aussehenden älteren Herrn „von“ verschwunden
und Carola stand da, mit ihrem Glas Sekt in der
Hand und die Umgebung betrachtend, als ihr Herz plötzlich
für einen kurzen Moment auszusetzen schien.
In ihrem Blickfeld tauchte ein Mann auf. Nicht irgendeiner,
sonder ein ganz besonderer. Jener, den sie auf keinen Fall gegenüberstehen
wollte. Ruckartig drehte sie sich weg.
Innerlich schimpfte sie sich für ihre Feigheit, doch im Äußeren
konnte sie nicht anders handeln. Sie musste und wollte ihm
aus dem Weg gehen.
Von dem abgesehen, waren Männer im Moment für sie tabu
und jenes Exemplar erst recht.
Tief seufzend trank sie einen Schluck, um sich etwas zu beruhigen.
Ihr Puls ging schneller und sie überlegte, wie sie so
schnell wie möglich von hier verschwinden konnte.
Tina war nirgends zu entdecken. Schützenhilfe von dieser Seite
konnte sie sich also nicht erwarten.
Da trat der Besitzer der Jungdesignerboutique in ihr Blickfeld.
Josh Flemming!
Sie vermutete dass dies ein Künstlername war, hatte ihn aber
noch nie danach gefragt. Der Junge war durch und durch
schwul, aber der beste Freund von den beiden Mädchen. Wo
und Wann immer es ging, er war da, bereit zu helfen, bereit zu
reden, bereit mit ihnen Spaß zu haben, bereit mit ihnen zu
weinen, einen romantischen Film anzusehen.
Kurz gesagt er tat alles wie eine Freundin mit ihnen gemeinsam.
Sie und Tina liebten Josh, auf ihre ganz bestimmte Art.
„Hi Josh!“, etwas unsicher klang sie schon, doch sie ließ sich
das nicht anmerken. Das Wichtigste jetzt war Abwechslung.
Nur kein Blick in die Augen des Fremden. Diese Augen! Die
haben sie damals bis in den Schlaf verfolgt.
„Hallo Sonnenschein. Was machst du den ganz alleine hier?
Haben dich alle verlassen?“
„So wie es aussieht, ja.“
Der Fremde, dem sie auf gar keinen Fall gegenüberstehen
wollte, kam langsam näher. Sie wusste, dass er sie gesehen hatte.
Sie konnte es spüren. Mit einem Blick nach rechts, bestätigte
sie ihren Spürsinn. Er kam tatsächlich auf sie zu. Panik wallte
in ihr auf.
„Josh, bitte, kannst du mir einen Gefallen tun?“
„Natürlich Sonnenschein, jeden…………Oh Gott, hast du das
Prachtexemplar eines Mannes gesehen, der da auf uns zusteuert?“
„Ja Josh! Bitte leg deinen Arm um meine Schulter und führ
mich raus.“
„Warum…….“
„Bitte, Josh stell jetzt keine Fragen, handle einfach. Bitte!“
Die Verzweiflung die aus der Stimme Carolas sprach, war für
Josh deutlich spürbar. Also tat er was ein guter Freund tun
musste, er legte den Arm um ihre Schultern zog sie nahe zu
sich heran und drehte sich mit ihr im Arm um.
Jetzt standen sie direkt vor dem Fremden, dem Carola so gerne
ausgewichen wäre.
Es war zu spät!